Am 18. Januar stand eine Wintervogelexkursion zum Barleber Adamsee auf dem Plan. Etwa 35 Interessierte wollten sich das trotz eisiger Kälte nicht entgehen lassen. Nach einer kurzen Begrüßung durch Exkursionsleiter Jörg Brämer und Exkursionsgast Ernst Paul Dörfler ging es zu Fuß los auf der Straße parallel zur Eisenbahnlinie.
Ganz zu Anfang machte Jörg Brämer darauf aufmerksam, dass der Exkursionsstartpunkt am Rande der natürlichen Elbeniederung mit deren Überflutungsaue liegt. Dieser Bereich war bereits seit der Steinzeit von Menschen besiedelt worden. Davon zeugen unter anderem die Funde von Siedlungsresten, die in den 1950er Jahren beim Bau von Schweineställen gemacht wurden. Unter anderem konnte man damals trepanierte Schädel bergen, also menschliche Schädel, die von den Steinzeitmenschen mit Klingen aus Feuerstein geöffnet wurden und die danach wieder verheilt waren. Diese Funde sind im Kulturhistorischen Museum in Magdeburg zu sehen. Einige Meter weiter gab es einen Stopp auf der Brücke über die Große Sülze, auf dem Jörg Brämer darüber informierte, dass im Bett der Großen Sülze an diese Stelle noch bis zum 15. Jahrhundert der schiffbare Arm der Elbe verlief.
Als der Blick auf den Adamsee frei wurde, konnten die ersten Wasservögel beobachtet werden: teils schwimmend, teils auf dem Eis des zugefrorenen Adamsees rutschend, teils auch fliegend. Ernst Paul Dörfler machte Ausführungen zum Vogelzug bei Gänsen, Enten und Kranichen. Dabei ging er auf den deutlich erkennbaren Wandel der Gewohnheiten dieser und anderer Zugvögel ein, die immer öfter den Winter in Mitteleuropa verbringen, statt die kräftezehrende Reise nach Südeuropa oder Afrika anzutreten. Ernst Paul Dörfler ging dann ausführlich auf die Rolle der Zugvögel als Vektoren bei der Verbreitung des H5N1-Virus (verantwortlich für die Geflügelpest; auch als Vogelgrippe bezeichnet) ein. Zwar ist dieser Erreger von den Wildvögeln, insbesondere auch von Kranichen, bei ihrem Zug aus dem Baltikum in Richtung Süd- und Westeuropa transportiert worden und führte dabei auch zum Tod vieler Kraniche. Die Entstehung der tödlichen Mutation dieses Virus ist aber mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Haltung von Hausgeflügel (Hühner, Enten und Gänse) auf engstem Raum in riesigen Stallanlagen zurückzuführen.
Ein paar Meter weiter war die Insel in der Mitte des Sees gut zu erkennen. Edgar Appenrodt berichtete über die Bedeutung dieser Insel als Brutplatz der Graugänse. Die Anzahl der Nester wird von ihm auf derzeit 30 bis 60 Stück geschätzt. Das bedeutet, dass auf dieser Insel mehrere Hundert junge Gänse jährlich ausgebrütet werden. Dabei war es zunächst gar nicht vorgesehen, die Insel stehen zu lassen, als der Kiesabbau mit leistungsfähigen Saugbaggern durch die Firma Hülskens in der Mitte der 1990er Jahre begann. Die Firma entschied sich dazu, weil an dieser Stelle in den letzten Jahren der DDR sowie in den ersten Jahren nach der politischen Wende eine wilde Müllkippe entstanden war. Die ordnungsgemäße Entsorgung des Mülls hätte mehr Geld gekostet, als mit dem Verkauf des darunter liegenden Rohstoffs hätte verdient werden können. So bildet die Insel jetzt einen wertvollen Brut- und Rastplatz für Gänse und andere Vögel, wie z. B. auch Eisvögel und Uferschwalben.
Am nächsten Bahnübergang verließen die Teilnehmer die Straße und liefen am Ufer des Adamsees weiter. Deutlich erkennbar war hier, wie Wind und Wasser am Ufer ihre Spuren hinterlassen. Um die Erosion zu vermindern und das Ufer zu schützen, wurden Baumstubben im Uferbereich abgelegt. Baumstubben, die ins Gewässer abrutschen und unter Wasser geraten, bilden erste Verstecke für Fische. Der Kiesabbau im Adamsee wurde erst im Jahr 2024 beendet. Der Seegrund und die meisten Ufer auf der östlichen und nordöstlichen Seite sind noch ohne Wasserpflanzen. Für Fische gibt es deshalb weder Nahrung noch Versteckmöglichkeiten. Die Baumstubben sollen die Besiedlung beschleunigen. Auf dem schmalen Streifen Land zwischen Ufer und Eisenbahn konnte Jörg Brämer an einigen Stellen typische Weiderasen zeigen, die von den Graugänsen hinterlassen wurden. Solche Weiderasen gab es noch vor der Separation Mitte des 19. Jahrhunderts wahrscheinlich am Rande vieler Dörfer. Sie waren Teil der gemeinschaftlich genutzten Flur (Allmende), wo die Hausgänse ihr Futter suchen mussten, meist unter Aufsicht des Gänsehirten. Diese kurzrasigen Flächen bieten vielen anderen Tieren wertvollen Lebensraum. Dazu zählen Bach- und Schafstelzen, zu früheren Zeiten auch der Steinkauz.
An einem auf Wunsch der NABU-Gruppe Barleben vom Kieswerk angelegten Hügel endete die Exkursion. Auf dem Hügel beabsichtigt die NABU-Gruppe die Einrichtung eines Aussichtpunktes zur Beobachtung der Wasservögel auf dem See, insbesondere in den Morgenstunden, wenn die Sonne im Rücken der Vogelbeobachter von Osten auf den See scheint. Von hier kann man auch eine künstliche schwimmende Brutinsel, die auf Bitten der NABU-Gruppe Barleben durch die Firma Hülskens gebaut und zu Wasser gelassen wurde, am besten sehen. Während der Brutzeit bietet diese schwimmende Insel aus Metall einen geschützten Brutplatz für Flussseeschwalben und zunehmend auch für Lachmöwen. Am Exkursionstag hielten sich dort Silbermöwen auf.
Obwohl es entlang des Süd- und Südwestufers des Adamsees einige sehr flache Inseln gibt, die je nach Wasserstand mal mehr oder mal weniger aus dem Wasser ragen und deshalb ideale Brutplätze für Lachmöwen, Flussseeschwalben, Austernfischer und Flussregenpfeifer bieten, gelingt diesen Vögeln dort sehr selten die Aufzucht von Nachwuchs. Der Grund liegt in der Störung durch Menschen, die fußläufig vom Südufer des Adamsees (oftmals mit Hunden) oder als Standup-Paddler bzw. mit Luftmatratzen von der Wasserseite auf diese Inseln gelangen. Vor drei Jahren wurden auf diese Weise ca. 30 Gelege von Seeschwalben zerstört. Kein Jungtier wurde erwachsen.
Auf dem Rückweg wurde Hobby-Ornithologe Mario Schulz angetroffen, der am Adamsee seit mehreren Jahren viermal jährlich an international festgelegten Tagen den Bestand an Wasservögeln registriert und für die zentrale Auswertung der Vogelschutzwarte zur Verfügung stellt. Mario Schulz begeisterte die verbliebenen Exkursionsteilnehmer mit seinem detailreichen Wissen über die Vogelwelt des Adamsees zu allen Jahreszeiten.
gez. Jörg Brämer
Und hier ist der Exkursionsbericht zum Ausdrucken: